Schließlich hat die BSU (Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt) sie doch rausgerückt: Die Langfassung der Zwischenbilanz ihres “Zukunftsbild Elbinseln 2013+”. Jede einzelne Seite wurde mit “Vorentwurf vor Behördenabstimmung” bedruckt, um zu beruhigen, dass noch alles völlig offen sei. Dabei wurde der Entwurf bereits im September an die Behörden verschickt. Anfang 2014 sollen die Zielaussagen abgestimmt sein und das Zukunftsbild 2013+ als -Fortschreibung des Rahmenkonzepts vom Sprung über die Elbe 2005- im Hamburger Senat verabschiedet werden (vernehmlich im April 2014).
IBA und IGS sind kaum vorbei. Warum jetzt diese Hektik? Nach sieben Jahren “Stadtentwicklung im Ausnahmezustand” (Eigen Motto der IBA) gilt es, in aller Ruhe Bilanz zu ziehen. Was haben die internationalen Ausstellungen gebracht? Wer hat davon profitiert? Bei der Weichenstellung für die nächsten Jahrzehnte müssen Qualität und Nachhaltigkeit der Maßstab sein.
Worum geht es bei dem Rahmenkonzept? Irgendwie kommt alles zur Sprache – so gibt es auch über Kirchdorf-Süd fünf Zeilen – aber eigentlich geht es nur um zwei Themen: Wohnungsbau und Wohnungsbau. Wie schafft man Platz für Wohnungsbau in der Wílhelmsburger Mitte? Und wo geht Wohnungsbau auf der Veddel? Nach gründlichen Bestandsanalysen, Zielananlysen, Konfliktanalysen und verschiedenen Szenarien kommt das Papier zu dem Schluss: Auf der Veddel ist Platz für 500, in der Wilhelmsburger Mittelachse wäre Platz für 3100 Wohneinheiten (gemeint ist der Raum zwischen Assmannkanal und Jaffe-David-Kanal, zwischen Neuenfelder Straße und Spreehafen). Warum w ä r e ? Drei Voraussetzungen müssen erfüllt sein: 1. Die Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße muss gelingen. 2. Die Kleingärtner am Assmannkanal müssen mitspielen. 3. Die Wirtschaftsbehörde muss mitspielen. Sie muss der Verlagerung von Industriebetrieben am Jaffe-David-Kanal sowie einer Umwandlung des “Industriegebietes” in ein “Mischgebiet” zustimmen. Betroffen sind ca. 90 Betriebe mit 600 Mitarbeiter/innen.
Und da liegt der Hase im Pfeffer: Gegen die Wirtschaftsbehörde in dieser Stadt ist die Stadtentwicklungsbehörde ein Papiertiger. Wie gering ihre Durchsetzungskraft im Konfliktfall wirklich ist, zeigt das Schicksal des “Rahmenkonzeptes” von 2005. Erinnert sei an die begleitende Wanderausstellung zum “Sprung über die Elbe”. Mit fantastischen Fotomontage wurden die Potenzialräume markiert: Stadtentwicklung auf dem Kleinen Grasbrook und rund um den Spreehafen, grüne Zugänge durch die Perlenkette der Logistik zum Reiherstieg, Wohnungsbau am Veringkanal, Bebauung auch entlang der Wilhelmsburger “Goldküste” an der Süderelbe. Von Perlenketten und Goldküsten spricht heute niemand mehr. Am Veringkanal – gegenüber der Rehaklinik am Wasserturm – wurde noch 2007 Wilhelmsburgs jüngstes Containergebirge gestapelt und machte auch hier alle Träume von Wohnen am Wasser zunichte.
Jetzt stehen sich in der Wilhelmsburger Mitte im Kampf um die Flächen die Träume vom Wohnungsbau und die Interessen von Industrie und Gewerbe gegenüber. Der SPD-Senat hat sich im “Masterplan Industrie” verpflichtet, Industrieflächen zu sichern und mit Senator Horch die Handelskammer direkt ins Kabinett gebeten. Das Industriegebiet in der Wilhelmsburger Mitte soll mit der geplanten neuen Auffahrt Rotenhäuser Straße quasi eine direkte Autobahnanbindung erhalten. Senator Horch ist ein entschiedener Befürworter dieser Planung.
Oberbaudirektor Walter, der am 16.12.13 die Pläne seiner Behörde erläutern will, wird sich diesen und anderen Fragen zu dem Entwurf stellen müssen: Wo ist noch Platz für Wohnungsbau, wenn Senator Horch nicht zustimmt? Was kommt dann auf die Kleingärtner am Assmannkanal zu? Warum diesen Konflikt nicht am Veringkanal ausfechten? Dort ist eine Verlagerung von wohnunverträglichem Gewerbe längst überfällig. Warum verteidigt das Papier die Pläne für die Hafenquerspange im Süden der Insel, was das Wohnen an anderer Stelle – in Kirchdorf und Kirchdorf-Süd massiv beeinträchtigt? Warum spielt in dem Papier die Sanierung im Bestand (Beispiel Korallusviertel) kaum eine Rolle? Warum orientiert das Papier auf Investoreninteressen statt bezahlbaren Wohnraum in den Mittelpunkt zu stellen?